Modernisierung der Verkehrsleitung im Fernverkehr: Neue IT für stabile Reiseketten

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  • 05/2026 – Eine neu entwickelte, modulare Produktfamilie löst einen schwer erweiterbaren IT-Monolithen in der Verkehrsleitung ab. Die reisendenzentrierte Steuerung verbindet Verkehrs-, Fahrzeug- und Personaldisposition sowie Reisendensteuerung, erkennt Konflikte früher und unterstützt Entscheidungen daten- und KI-gestützt. Das Ergebnis: stabilere Reiseketten und ein stabilerer Bahnbetrieb sowie präzisere Informationen für Reisende und Disponent:innen. 

    Die Verkehrsleitungen von DB Fernverkehr steuern den täglichen Bahnbetrieb in Echtzeit. Sie entscheiden, welche Anschlüsse hergestellt und wie Personal und Fahrzeuge eingesetzt werden. Genau hier setzt die reisendenzentrierte Steuerung (RST) an. Aus dem gewachsenen Bestandssystem wird Schritt für Schritt eine modulare Produktfamilie, die operative Entscheidungen konsequent an der Reisekette ausrichtet und den Reisenden in den Fokus stellt. 

    Komplexe Steuerung des Bahnbetriebs im Fernverkehr 

    Insgesamt rund 400 Mitarbeitende bei DB Fernverkehr arbeiten rund um die Uhr im Schichtbetrieb in sieben Verkehrsleitstellen deutschlandweit. Die Arbeit in der Verkehrsleitung ist anspruchsvoll. „Immer dann, wenn ein Zug nicht so fahren kann wie er ursprünglich geplant war, oder wenn eine Ressource, zum Beispiel das Personal, umgeplant werden muss, tritt die Verkehrsleitung in Aktion“, erklärt Julian Steinlein, fachlicher Projektleiter RST bei DB Fernverkehr. „Halte werden ergänzt oder entfallen, Umleitungen eingerichtet, Züge fallen aus. Gleichzeitig müssen Fahrzeuge und Personal neu disponiert werden.“ All das geschieht in enger Abstimmung mit DB InfraGO, verantwortlich für die Infrastruktur und die sichere Zugfolge. Für die Reisenden, ihre Anschlüsse und ihr Ziel sind hingegen die Verkehrsleitungen von DB Fernverkehr zuständig. 

    Bisher nutzt die Verkehrsleitung das „Informationssystem Transportleitung Personenverkehr“ (ISTP) – ein IT-Monolith, historisch gewachsen und über rund 25 Jahre stabil im Einsatz. „Das Bestandssystem ist nun aber in die Jahre gekommen und es ist schwer weiterzuentwickeln“, erläutert Jürgen Hallpap, IT-Projektleiter RST bei DB Fernverkehr. Anpassungen wurden immer aufwendiger, moderne Sichten ließen sich nur begrenzt integrieren und verursachten hohen Koordinationsaufwand. 

    ISTP prägte den Arbeitsalltag der Disponentinnen und Disponenten stark: Parallel genutzte Anwendungen, verteilte Sichten und ein hoher Anteil an manueller Überwachung erforderten große Aufmerksamkeit. In anspruchsvollen Situationen bedeutete das viel Koordination über mehrere Systeme hinweg. Der Wunsch der Verkehrsleitung nach mehr Unterstützung, besserer Prognosefähigkeit und einem klaren Blick auf die Wirkung für Reisende wurde immer lauter.  

    Von zugorientierter zu reisendenzentrierter Sicht 

    Gleichzeitig veränderte sich auch der Anspruch an die Verkehrsleitung: „Wir möchten wegkommen von einer eher zugorientierten Sicht hin zu einer reisendenzentrierten Sicht. Dabei liegt der Fokus auf der Minimierung der Endverspätung in der Reisekette anstatt auf der reinen Pünktlichkeit“, sagt Jürgen Hallpap. Reiseketten bezeichnen in diesem Kontext die Abfolge von Teilleistungen, die notwendig sind, um von einem Start zu einem Ziel zu kommen. 

    Die Antwort auf diese Anforderungen ist die reisendenzentrierte Steuerung. Die neue IT der Verkehrsleitung verknüpft die vier Kernbereiche der Disposition: Verkehrs-, Fahrzeug- und Personaldisposition sowie Reisendensteuerung. Damit schafft sie erstmals ein konsistentes Bild der gesamten Lage. „Die Personaldisposition spielte in ISTP noch gar keine Rolle“, erläutert Jürgen Hallpap.  

    Die Grundpfeiler der RST sind eine umfassende Echtzeitdatenbasis, analytische Verfahren und Künstliche Intelligenz, die Muster erkennt und den Disponentinnen und Disponenten praxistaugliche Vorschläge liefert. Ein IT-Monolith wird abgelöst durch eine flexibel erweiterbare, modulare Produktfamilie mit einer intuitiven Gesamtoberfläche. Diese schafft einen schnellen Überblick und ermöglicht so bessere Entscheidungen sowie konsistente Reisendeninformationen. 

    Die heutige RST-Produktfamilie besteht aus elf Produkten, die unterschiedliche Schwerpunkte der ganzheitlichen Verkehrssteuerung adressieren. Dazu zählt beispielsweise das Produkt „RST-Dia“ der Anschlussdisposition, die optimal aufbereitete Daten für bestmögliche Anschlussentscheidungen und -informationen liefert. Oder das Teilprodukt „RST-BeRnd“, das für RST eine Prognose der Reisendenlage zur Verfügung stellt, welche die Grundlage für reisendenzentrierte Entscheidungen in der Disposition bildet.  

    Die größte Innovation ist dabei der Wechsel von der reaktiven zur proaktiven Steuerung: RST kann in die nahe Zukunft blicken, um Steuerungsbedarfe frühzeitig zu erkennen und zu bewerten, bevor sie eintreten beziehungsweise bevor die Disponentin oder der Disponent mit manuellem Aufwand danach suchen muss. 

    „Wir betrachten das System gesamthaft und treffen Entscheidungen dort, wo sie für Reisende und Betrieb die größte Wirkung entfalten.“

    Julian Steinlein, fachlicher Projektleiter RST, DB Fernverkehr

    Kontinuierliche Einführung statt Big Bang 

    Die Einführung von RST erfolgt in drei Teilprojekten: Die Ablösung des Bestandssystems ISTP, die Automatisierung und Optimierung in der Verkehrsdisposition sowie die Einführung der Personaldisposition. Ein erster Meilenstein wurde im November 2025 erreicht: Die fachliche Betriebserprobung der neuen Lösung hat begonnen. Seitdem wird die Umstellung des Verkehrsdispositionssystems schrittweise von der Bestandswelt auf die neue RST-Produktfamilie vorgenommen. „Wir werden im Laufe des Jahres 2026 das Altsystem ISTP für DB Fernverkehr ablösen“, sagt Jürgen Hallpap. 

    Die Einführungsstrategie für alle Produkte sieht vor, dass frühzeitig erste umgesetzte Anwendungsfälle zur freiwilligen Nutzung und Erprobung im Rahmen einer Friendly-User-Phase zur Verfügung gestellt werden. Die Nutzer:innen entscheiden selbst, ob sie mit ISTP oder RST disponieren möchten und es wird sichergestellt, dass die Daten konsistent sind. Der Einsatz im realen Betrieb liefert wertvolles Feedback zur tatsächlichen Nutzbarkeit. „Zusätzlich sind wir regelmäßig in den Verkehrsleitungen vor Ort, sprechen mit den Anwendenden und Führungskräften, holen uns dort direktes Feedback. Außerdem gibt es regelmäßige Reviews im Rahmen des Entwicklungsprozesses“, berichtet Julian Steinlein.  Ein Beispiel für die sukzessive Einführung ist die Verkehrsdisposition mit RST-V: Hier wurde bereits ab dem Go-live des ersten Anwendungsfalls (Gesamtausfall) eine freiwillige parallele Nutzung zu ISTP ermöglicht. Auf diese Weise konnte das Nutzerfeedback zu einem sehr frühen Zeitpunkt in die weitere Entwicklung einfließen. 

    Andere Teilprodukte, wie KoDi (Verspätungskodierung) oder RST-Dia (Anschlussdisposition), haben bereits sämtliche im jeweiligen Scope befindliche ISTP-Funktionalitäten abgelöst und sind vollständig im produktiven Betrieb. 

    „Dank der Teilprodukte-Strategie können wir bereits seit mehreren Jahren einzelne Produkte mit unterschiedlichen Nutzergruppen testen. Das ermöglicht uns, flexibel und früh auf potenzielle Probleme zu reagieren und den großen Meilenstein – die Ablösung des Bestandssystems – optimal vorzubereiten.“

    Wolfgang Harbach, Product Owner Einheit Smart Application Builder, DB Systel

    Partnerschaftliche Zusammenarbeit von DB Fernverkehr und DB Systel 

    DB Systel ist von Beginn an eng eingebunden. „DB Systel hat auch das bisherige Bestandssystem ISTP entwickelt und über viele Jahre gewartet und betrieben“, erklärt Wolfgang Harbach, Product Owner der Einheit Smart Application Builder bei DB Systel. Mit dem Neustart wurde die Architektur modernisiert und die Entwicklung auf eine gemeinsame Anwendungsplattform gestellt. 

    Organisiert ist die Zusammenarbeit beider Geschäftsfelder entlang von Geschäftsvorfällen und mit klaren Produktverantwortungen. Die Projektleitung liegt bei DB Fernverkehr. Mehrere autarke, cross-funktionale DevOps-Teams entwickeln und betreiben die neuen RST-Produkte. Die Teams setzen sich aus deutlich über 100 Mitarbeitenden aus DB Fernverkehr und DB Systel zusammen. In den Teams selbst steuern Product Owner von DB Fernverkehr die Produktentwicklung, die Architektur wird gemeinsam entwickelt, den Betrieb verantwortet die DB Systel. Die übergreifende Orchestrierung erfolgt seit diesem Jahr nach dem „Scaled Agile Framework“ (SAFe).  

    „Wir arbeiten sehr partnerschaftlich zusammen, was ich als wertstiftend empfinde. Das ist kein klassisches Auftraggeber-Auftragnehmer-Verhältnis. Alle sind jederzeit engagiert, das Beste für die Anwenderinnen und Anwender der RST herauszuholen.“

    Jürgen Hallpap, IT-Projektleiter RST, DB Fernverkehr

    Vom Monitoring zur aktiven Steuerung 

    Das Feedback der Friendly-User-Phase ist besonders wichtig, denn: Die Arbeitsweise in der Verkehrsleitung wird sich durch die neue Software wandeln. RST unterstützt eine proaktive Steuerung durch die Disponierenden mit datenbasierten Priorisierungen und Vorschlägen. Zukünftig hilft das System im Arbeitsalltag bei der Fleißarbeit, die Disponierenden treffen die anspruchsvollen Entscheidungen in Ausnahmesituationen. 

    Einblick in das Produkt „RST-Zugfahrt“ aus der RST-Produktfamilie
    Einblick in das Produkt „RST-Zugfahrt“ aus der RST-Produktfamilie
    Quelle: DB Fernverkehr AG
    Einblick in das Produkt „RST-Zugfahrt“ aus der RST-Produktfamilie

    Ein zentrales Element ist die konsequente Nutzung von Echtzeitdaten in RST. Analysen und Prognosen stützen die Entscheidungen in der Leitstelle. Künstliche Intelligenz liefert Vorschläge, die die operative Lage stabilisieren. Beispiele hierfür sind KI-gestützte Anschlussentscheidungen, die abwägen, ob ein Anschluss warten sollte, oder Hinweise auf voraussichtlich nicht machbare Wenden. Ein anderer Anwendungsfall: Der Prognosewecker. „Dieser macht die Disponentinnen und Disponenten aktiv darauf aufmerksam, wenn an einer Stelle manuelle Prognosen fehlen, die von der automatischen Prognose nicht abgedeckt werden können“, erklärt Jürgen Hallpap.  

    Stetige Weiterentwicklung für bessere Pünktlichkeit 

    Die reisendenzentrierte Steuerung ist die Basis für eine zukunftsfähige Verkehrsleitung. Sie verbindet bislang getrennte Disziplinen, liefert verlässliche Prognosen und richtet Entscheidungen an der Wirkung für Reisende aus. Die Disponierenden steuern Ausnahmesituationen und nutzen Systeme, die ihnen die beste Grundlage dafür liefern. 

    Kurzfristig steht die geordnete Abschaltung des Altsystems ISTP bei DB Fernverkehr im Fokus. Zugleich wächst der Grad an Automatisierung und Optimierung weiter. In den kommenden zwei Jahren wird die RST-Produktfamilie ausgebaut. Schwerpunkte sind die vollständige Nutzung der Personaldisposition sowie die Weiterentwicklung von Prognosen und Entscheidungshilfen entlang der Reisekette. 

    „Unser Ziel ist ein stabilerer Betrieb für Reisende und das Erreichen der Pünktlichkeitsziele“, sagt Julian Steinlein. Die Business-IT-Fusion von DB Fernverkehr und DB Systel bleibt dabei ein zentraler Erfolgsfaktor. Nähe zum Betrieb, kontinuierliches Feedback und ein klarer Produktfokus sorgen dafür, dass Digitalisierung dort wirkt, wo sie gebraucht wird: im täglichen Einsatz für die Reisenden. 

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